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Ich bin in Radesa, einem kleinen Dorf auf dem Kosovo, zur Welt gekommen und zusammen mit meinen zwei Schwestern und meinem Bruder aufgewachsen. Mein Vater hat jahrelang in Belgrad gearbeitet und gelebt, um die Familie ernähren zu können. Während den Ferien ist er jeweils zu uns nach Hause gekommen. Meine Mutter hat uns sozusagen alleine gross gezogen, dies war aber ganz normal für uns. Es hat uns damals an nichts gefehlt, wir hatten eine glückliche Kindheit.
In Radesa habe ich die ersten vier Jahre der Grundschule besucht, dann mussten wir in die nächstgrössere Gemeinde Dragas reisen, um die fünfte bis achte Klasse zu absolvieren. Eine Ausbildung habe ich daraufhin nicht gemacht, dies war auch nicht unbedingt üblich. Schliesslich war ich vor allem für den Haushalt zuständig und habe zu Hause an allen Ecken mitgeholfen. Es gab ja immer genug zu tun.
Mit 22 Jahren habe ich meinen Mann geheiratet. Er stammt aus derselben Gemeinde. Mein Mann und sein Vater betrieben in unserem Dorf gemeinsam eine Bäckerei. Es lief wirklich gut und wir hatten allerhand zu tun.
Als 1999 der Krieg ausbrach und die Situation im Kosovo nicht mehr einfach war, wurde die Bäckerei geschlossen. Mein Mann und sein Vater durften diese nicht mehr leiten. Wir sind Angehörige einer Minderheit und wurden durch die politische Situation gezwungen, unsere Heimat zu verlassen und in der Schweiz um Asyl zu ersuchen. Wir gehören zu den Goranen, das sind Südslawen islamischen Glaubensbekenntnisses, die vornehmlich in der Gebirgsregion des südwestlichen Kosovo an der Grenze zu Mazedonien und Albanien beheimatet sind.
Da ich in Dragas nur die Grundschule abgeschlossen hatte, war es für mich schwierig, in der Schweiz Arbeit zu finden. Zudem durften wir als Flüchtlinge lange gar nicht arbeiten. Sobald wir eine Arbeitserlaubnis erhielten, habe ich eine Stelle gesucht und war zunächst vor allem als Stellvertretung in Haushalten tätig. Später habe ich dann zwei Jahre für ein grosses Reinigungsunternehmen gearbeitet.
Ich lebe mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in Hinterkappelen. Unsere Tochter Azra besucht die 8. Klasse und möchte später gerne aufs Gymnasium. Wir helfen ihr, wo wir können, organisieren Nachhilfe in Mathematik und hoffen, dass sie es schaffen wird. Unser Sohn Edin ist ein bisschen jünger, er wird bald 10 Jahre alt und ist ein richtig aufgestellter kleiner Junge. Früher lebten mehrere Familien in einem Haushalt zusammen, und eigentlich wäre es ganz schön, wenn dies auch hier möglich wäre. Leider leben meine zwei Schwestern im Kosovo und mein Bruder in Belgien. Ich wünschte, sie lebten in der Nähe.
Ich habe zunächst vor allem Stellvertretungen in Privathaushalten für meine Kolleginnen übernommen. So bin ich im Grunde genommen auf den Geschmack gekommen. Den „proper job“ hat mir eine Freundin empfohlen, die damals bereits für fairness at work arbeitete. Die Reinigungsarbeit zog sich durch mein ganzes Leben. Auch zu Hause im Kosovo habe ich immer vor allem die Hausarbeit erledigt.
Meine Arbeitswoche sieht auf den ersten Blick recht streng aus. Ich arbeite zurzeit ein bisschen mehr als 80 Prozent für fairness at work und zwei Abende pro Woche für einen anderen Arbeitgeber. Mein Arbeitspensum ist auf sechs Tage die Woche verteilt, ich arbeite auch am Samstag. Von vielen meiner Kunden besitze ich den Schlüssel. Die meisten sind auch zeitlich sehr flexibel, so dass ich es mir gut einrichten kann, wann ich zu welchem Kunden gehe. Dies bedarf einer guten Organisation und es ist nicht immer ganz einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Ich gebe aber mein Bestes und versuche immer alle zufrieden zu stellen.
Neben meiner Arbeit widme ich mich voll und ganz meiner Familie. Wir unternehmen relativ viel zusammen, wenn wir freie Zeit haben. Das ist mir besonders wichtig. Auch Besuche bei Bekannten spielen für uns eine grosse Rolle. Selbstverständlich geniessen wir es aber auch, manchmal gar nichts zu tun und uns einfach mal zu erholen. Die Wochen gehen schnell vorbei, wenn man einen so vollen Stundenplan hat. Aber ich kann mich da ganz und gar nicht beklagen. Ich bin froh, habe ich Arbeit und eine tolle Familie.
Ich denke, wir würden uns Ferien leisten, so richtige Familienferien. Da wir die Schweiz neun Jahre lang aufgrund unseres Visums nicht verlassen konnten und dies erst seit zwei Jahren können, würden wir wohl weit weg fahren. Irgendwo hin, wo es sonnig ist. Es wäre schön, so ein bisschen Erholung und Abwechslung zu haben.
Wir fahren meist nach Hause in den Kosovo. Sofern uns die Zeit reicht, verbringen wir den Rest unserer Ferien gerne am Meer. Letzten Sommer waren wir in Kroatien, das war dann richtige Erholung. Auch sehr schön war es letzten Winter, als wir zu meinem Bruder nach Belgien gereist sind, das hat uns unheimlich gefallen. Wir konnten uns so richtig erholen, hatten viel Spass und haben zugleich noch ein anderes Land besser kennengelernt.
Mir gefällt das Meiste an meiner Arbeit. Generell bin ich der Meinung, dass man das Negative hinter sich lassen sollte und das Positive im Leben sehen sollte.
Zudem ist es schön, wenn man schöne Rückmeldungen der Kunden erhält, man fühlt sich wertgeschätzt. Ich starte dann auch zufriedener in den Tag. Auch die Selbständigkeit, die mir durch die Arbeit gewährleistet ist, gefällt mir sehr. Hier und da hat man auch Kontakt zu den Kunden und das ist ein genauso wichtiger Aspekt für mich.
Das Einzige, das mir manchmal Mühe bereitet sind die Wege zwischen den Kunden. Hält man sich bei dem einen Kunden nur etwas länger auf, muss man gleich zum nächsten Kunden hetzen.
Auf vielerlei Arten zeigen mir die Kunden ihre Dankbarkeit. Ich kriege ab und zu Geschenke, finde positive Notizen oder erhalte SMS. Zudem werde ich auch ab und zu mit einem Kaffee überrascht. Solche Sachen bereiten mir viel Freude und motivieren mich, weiter zu machen. Ich bin glücklich, wenn meine Kunden zufrieden sind!
Allem voran ist mir die Gesundheit sehr wichtig, insbesondere die meiner Kinder und meines Mannes. Ich möchte auch, dass meine Kinder in ihrem Leben etwas erreichen und dass sie irgendwann ein besseres Leben führen können, als dies für uns möglich war. Sie sollen glücklich sein und keine Schwierigkeiten erleiden müssen. Die Familie ist mir wohl das Wertvollste. Ich unterstütze, wo ich nur kann und bin froh, wenn es allen einigermassen gut geht.
Ich träume von einem eigenen Haus in unserem Dorf. Wir konnten aufgrund des Krieges nie unser eigenes Haus aufbauen. Vielleicht werden wir uns irgendwann mal diesen Traum auch erfüllen können. Schliesslich stirbt die Hoffnung ja auch als Letzte!

